Sennelager bleibt drin

Aufsteiger macht Klassenerhalt perfekt

Freude pur:   Teammanager Marc Renner (rechts) klatscht Norbert Gombos nach dessen Einzelsieg gegen Aachen ab.

Freude pur: Teammanager Marc Renner (rechts) klatscht Norbert Gombos nach dessen Einzelsieg gegen Aachen ab. Foto: AK

Paderborn (WB/AK). Der TuS Sennelager bleibt in der 1. Tennis-Bundesliga. Der als heißester Abstiegskandidat gehandelte Liganeuling hat sensationell an diesem Wochenende das Klassenziel erreicht. Und das sogar vorzeitig.

Das 3:3 im Heimspiel am Samstag gegen Kurhaus Aachen reichte dem Klub aus dem Paderborner Stadtteil zum vor der Premierenspielzeit kaum für möglich gehaltenen Coup. Die 2:4-Niederlage beim Saisonfinale am gestrigen Sonntag bei RW Köln fiel nicht mehr ins Gewicht. Sie bedeutete aber die Rettung für Köln, da Weinheim zeitgleich beim TC Großhesselohe unterlag und noch auf den zweiten Abstiegsplatz vor Schlusslicht BW Aachen abrutschte. In der Abschlusstabelle belegt Sennelager mit 7:11 Punkten den siebten Platz. Zum deutschen Mannschaftsmeister kürte sich wie 2018 erneut GW Mannheim.

Der Jubel bei Spielern und Verantwortlichen aus Sennelager war groß, als am frühen Samstagabend der Ligaverbleib feststand. Die Gesänge noch auf dem Platz und danach in der Kabine zeugten vom großen Mannschaftsgeist, der das Team im Saisonverlauf zu zwei Siegen und drei Unentschieden getragen hatte. Nach drei Niederlagen zum Auftakt folgten fünf Partien ohne doppelten Punktverlust, zumeist nach dramatischen Spielverläufen.

»Das konnten wir nur mit einer echten Mannschaft schaffen«, sagte Trainer Marius Kur zum zentralen Baustein des Erfolgs, »was wir 2012 in der Bezirksklasse begonnen haben, trägt Früchte. Die Saison mit dem Team hat unglaublich viel Spaß gemacht, und wir haben immer daran geglaubt.«

Ein Tänzchen für den Klassenerhalt

1. Tennis-Bundesliga: Aufsteiger TuS Sennelager feiert schon am vorletzten Spieltag mit einem Remis gegen Kurhaus Aachen sensationell den Verbleib im Oberhaus und beendet die Saison nach einem 4:2 in Köln auf Platz sieben

Als die Niederlage der Kölner feststeht, kennt der Jubel beim TuS Sennelager keine Grenzen mehr. Der nicht für möglich gehaltene Klassenerhalt ist perfekt.

Als die Niederlage der Kölner feststeht, kennt der Jubel beim TuS Sennelager keine Grenzen mehr. Der nicht für möglich gehaltene Klassenerhalt ist perfekt.Frank Loose

Paderborn . Der TK GW Mannheim krönte sich am Wochenende wie im Vorjahr zum Deutschen Mannschaftsmeister – und der TuS Sennelager machte beim finalen Doppelspieltag der 1. Tennis-Point-Bundesliga sein ganz persönliches Meisterstück: Vorjahresaufsteiger Team Hämmerling schaffte sensationell den Ligaverbleib und darf sich auf ein weiteres Jahr im deutschen Oberhaus der Tennisherren freuen.

Am vergangenen Samstag schrieb der TuS Sennelager sein wundersames Tennismärchen weiter. Inhalt des jüngsten Kapitels: Der vor der Spielzeit nicht für möglich gehaltene Ligaverbleib gelingt mit einem 3:3 (1:3) auf der Platzanlage des Paderborner TC Blau-Rot gegen den TK Kurhaus Lamberts sogar vorzeitig. Weil Abstiegskonkurrent Kölner THC Stadion RW zeitgleich beim Allpresan Rochusclub Düsseldorf 2:4 unterlag, baute Sennelager den Vorsprung vor Köln auf dem zweiten Abstiegsplatz auf uneinholbare drei Zähler aus. Das 3:3 des TuS am neunten und letzten Saisonspieltag tags drauf beim THC Stadion sorgte dafür, dass Köln die Liga erhielt, Weinheim verlor in Großhesselohe. In der Abschlusstabelle lässt Sennelager mit 7:11 Punkten auf Rang sieben den TK BW Aachen (1:17 Punkte), Köln (6:12 Punkte) und den fläsh TC Weinheim 1902 (6:12 Punkte) hinter sich. »Das ist sensationell«, konstatierte Teammanager Marc Renner nach dem Aachen-Spiel, »dass wir das in einem Heimspiel mit den tollen Zuschauern im Rücken geschafft haben, ist ein perfekter Abschluss einer gelungenen Saison.«

Auch der letzte Schritt des TuS am Samstag zum Nicht-Abstieg war vor der Saison-Rekordkulisse von 1300 Zuschauern ein Spektakel mit den von Trainer Kur vorhergesagten intensiven Emotionen. Lediglich erstklasser Tennissport kam für den TuS auch im Heimspiel gegen das natürlich favorisierte Kurhaus Aachen, das die Spielzeit mit 11:7 Punkten auf Rang vier der Abschlusstabelle beendete, nicht in Frage. Wie vor Wochenfrist in München (3:3 beim TC Großhesselohe) musste ein dramatischer Spielverlauf mit Happyend her. Und erneut waren es die ostwestfälischen Doppel, die eine bereits verloren geglaubte Partie mit tollen Leistungen in einen, dieses Mal entscheidenden Punktgewinn ummünzten. Zuvor hatte lediglich der Slowake Norbert Gombos (ATP-117) durch ein 6:2, 3:6, 10:7 in einem sehenswerten Spitzeneinzel gegen deutschen Davis-Cup-Spieler Cedrik-Marcel Stebe (ATP-258) für die Gastgeber gepunktet. Die Aufstiegshelden Frederico Ferreira (4:6, 2:6 gegen Carlos Taberner) und Ivan Gakhov (nach zwei ungenutzten Matchbällen 6:3, 6:7[6] gegen Martin Cuevas) sowie Arthur Rinderknech (5:7, 6:3, 4:10 gegen Tim Pütz) unterlagen und es sah alles nach einem Abstiegsendspiel am Sonntag in Köln aus.

Doch denkste. Das Duo Manuel Guinard/Rinderknech pushte sich gegen Pütz/Cuevas (7:5, 6:4) mit Powertennis in einen spielerischen Flow und zog gestenreich die dankbar reagierenden und am Ende begeistert mitgehenden Zuschauer in ihren Bann. Der 2:3-Anschluss war die perfekte zusätzliche Motivationsspritze für die entscheidende Phase des Doppels von David Pel/Jan Zielinski auf dem Platz nebenan. Mit gleichfalls beeindruckender Präsenz kaufte das auch zweite TuS-Doppel dem Gegenüber den Schneid ab und gewann gegen Taberner/Nils Langer 7:6[4], 6:2.

Dem 3:3 folgten einige Minuten bangen Wartens des gesamten, an diesem Tag zwölfköpfigen (!) Teams vor den Handys. Als schließlich die Niederlage von Köln über den Live-Ticker lief, brachen alle Dämme. Was folgte, war Freude pur mit einer getanzten Jubelarie noch auf dem Platz, die sich in der Kabine noch eine ganze Weile fortsetzte, wie dem nach draußen dringenden Lautstärkepegel unschwer zu entnehmen war.

WTV ehrt den TuS Sennelager

Paderborn (AK). Der Westfälische Tennisverband (WTV) nutzte die Partie am Samstag gegen Aachen für eine Ehrung des TuS-Organisationsteams. »Der WTV ist stolz auf den Verein und dieses Team, das in diesem Jahr die Fahne des Verbandes in der Bundesliga hochgehalten und mit hervorragenden Leistungen in der Liga ihren Mann gestanden hat«, formulierte Robert Hampe. Der Verbandspräsident (Zweiter von links) überreichte Präsente und ein großes Banner stellvertretend an Hauptsponsor Ralf Hämmerling (links), Teammanager Marc Renner und Matthias Wittig (TuS-Abteilungsvorsitzender, rechts) zum Dank für das Engagement um das Bundesliga-Team und in Anerkennung des Erfolges. Foto: Agentur Klick

Talk beim Tennis mit den PSC-Squashern

Paderborn (AK). Unterstützung beim Heimspiel gegen Kurhaus Aachen erhielten die Tennisprofis des TuS Sennelager auch vom Paderborner Squash Club. Die Mitglieder des Deutschen Meisterteams der Herren (von links) Lennart Osthoff, Nicolas Müller sowie Simon Rösner (rechts) standen in der Pause zwischen den Einzeln und den Doppeln Moderator Frank Hofen (Zweiter von rechts) als Talkgäste Rede und Antwort. Der Rat der besten Squasher der Republik an die Tennis-Emporkömmlinge zog: »Immer weiter kämpfen, egal wie es steht«, sagte der Weltranglistenfünfte Rösner. Beim Stand von 1:3 nach den Einzeln machten die TuS-Doppel danach genau das vorbildlich – und verdienten sich den Ligaverbleib. Foto: Agentur Klick

Ein Hauch von Wimbledon

Klassenerhalt: Das Publikum fiebert mit, als Sennelager die Sensation perfekt macht

Arne Fromme und Torben Rehberg kümmern sich um die Fitness der Sportler.

Arne Fromme und Torben Rehberg kümmern sich um die Fitness der Sportler.Frank Hofen und Ralf Hämmerling (von links) sind sehr zufrieden mit der Saison.Vor 1300 Zuschauern schlägt Frederico Ferreira Silva vom TuS Sennelager auf. Zwar verlor er das erste Einzel. Am Ende stand es aber Unentschieden.Ingo Schmitz

Paderborn(WV). Die Sportstadt Paderborn hat am Wochenende ihrem Namen alle Ehre gemacht. 1300 Zuschauer erlebten beim TuS Sennelager nicht nur spannende Spiele, sondern auch eine sportliche Sensation: Die überraschend starke Hämmerling-Truppe hat mit einem Unentschieden den Verbleib in der 1. Tennis-Bundesliga perfekt gemacht.

»Paderborn findet wieder Spaß am Tennis«, stellt Ralf Hämmerling, Hauptsponsor des Bundesligisten, fest und blickt zufrieden auf die vollen Ränge. Bei schönstem Wetter erlebt das Publikum Spitzen-Tennis in der ersten Bundesliga. »Tennis ist wieder ein Gesellschaftsereignis geworden«, meint Hämmerling. Gespannt sitzen die Zuschauer auf der Tribüne und feuern die Heimmannschaft an. Mit Erfolg: Zwar steht es nach den Einzeln 3:1 für den Tennisclub Kurhaus Aachen, doch in den Doppeln holt Sennelager auf. Am Ende steht es Unentschieden – das genügt, um den Abstieg des Erstliga-Neulings zu verhindern.

Vom Outdoor-Sofa aus gibt es den besten Blick auf den Court. Während Hämmerling-Schützling Frederico Ferreira Silva sich eine spannende Partie liefert, lassen es sich Marco Nitsch und seine Begleiterin Petra Grafe bei einem Prosecco gut gehen. »Ich bin mit Boris Becker und Michael Stich groß geworden. Das hat uns damals alle angefixt«, berichtet Nitsch, der selbst zehn Jahre aktiv gespielt hat. Am Samstag schaut der Unternehmer lieber zu. »Gutes Wetter, spannende Spiele – was will man mehr«, meint der Paderborner zufrieden. Kein Wunder: Das Ganze hat einen Hauch von Wimbledon.

Ein paar Meter weiter sieht Arne Fromme den Sportlern zu, wie sie über die rote Asche jagen. Der Diplom-Sportwissenschaftler ist beeindruckt: »Wir haben früher auch Tennis gespielt. Aber so nah dran an den Profis ist man selten. Das Spiel ist viel schneller und athletischer, als es im Fernsehen aussieht. Es ist toll, was die Spieler hier abliefern«, sagt er. Der Geschäftsführer des Fitnessstudios Activita in Paderborn ist Premiumsponsor des TuS. Regelmäßig seien die Profis zu Gast im Studio, um sich bei einem Aufenthalt in Paderborn auf ihre Spiele vorzubereiten. »Die bringen ihre eigenen Athletikpläne mit«, berichtet Fromme. In der kommenden Saison will sich Activita auch um die Fitness der Spieler der zweiten und dritten Mannschaft kümmern.

Annobert Driller ist ein alter Hase im Tennissport und steht seit 43 Jahren selbst auf dem Court. »Die 1. Tennis-Bundesliga ist ein Super-Event, auf das wir lange gewartet und kaum zu hoffen gewagt haben«, sagt der Salzkottener, der beim TC Rot-Weiß als Platzwart tätig ist. »Jetzt muss nur noch mehr Werbung gemacht werden, damit die Clubs wieder Nachwuchs bekommen. Denn alle Vereine haben Sorgen, weil die Altersklasse zwischen 30 und 50 Jahren fehlt.«

Das meint auch Frank Hofen. Der Pressesprecher des TuS Sennelager hofft, dass der Erfolg die Paderborner Vereine zusammenführen könnte. »Sennelager ist wie Phönix aus der Asche hoch katapultiert«, sagt er. Früher habe jeder Club nur auf sich geschaut. »Ich meine aber, dass sich alle Clubs mal an einen Tisch setzen sollten, um über die Zukunft zu sprechen«, betont Hämmerling. Größter Traum wäre ein großes gemeinsames Turnier. »Wir könnten uns für ein Davis-Cup-Spiel bewerben. Bürgermeister Michael Dreier hat seine Unterstützung zugesagt.«

Kommentar

Der TuS Sennelager hatte keine Chance – und nutzte sie. Der kleinste Erstligaklub schreibt mit dem Verhindern des direkten Wiederabstiegs aus der Bundesliga sein Tennismärchen weiter.

Nun darf der SC Paderborn nachziehen. Denn der ist in der Fußball-Bundesliga der erklärt chancenlose erste Anwärter auf den direkten Wiederabstieg. Auch die Kicker haben demnach keine Chance, die zu nutzen nicht unmöglich ist, wie Sennelager in den vergangenen verrückten fünf Bundesligawochen vorgemacht hat – entgegen sämtlicher Prognosen.

Zwischen TuS und SCP gibt es viele Parallelen. Der SCP hat zuvor ebenfalls eine beeindruckende Serie von Aufstiegen hingelegt. Auch er setzte dabei auf junge, hungrige und entwicklungsfähige Spieler und baute akribisch eine gut funktionierende Mannschaft auf, die als Außenseiter den großen und selbst ernannten Favoriten in Liga drei und in Liga zwei mit Teamgeist, Euphorie, Leidenschaft und Glaube an sich selbst den Schneid abkaufte.

Selbstverständlich sind auch Unterschiede vorhanden. Zum Beispiel, dass die Tennis-Bundesliga im Vergleich zur Fußball-Bundesliga in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eine gänzlich andere Veranstaltung ist. Zum Beispiel, dass der TuS kein Wiederholungstäter ist, der aus den Erfahrungen vor, während und nach einer früheren Premieren-Bundesligaspielzeit mit einem nur knapp verpassten direkten Wiederabstieg seine Schlüsse ziehen konnte – und die der Verein bei seinem ersten Anlauf, im weniger illustren Oberhaus des deutschen Tennis-Mannschaftssport das Klassenziel zu erreichen, entsprechend nicht in die Waagschale werfen konnte. Zum Beispiel, dass Sennelager nicht seit mehr als einem Jahrzehnt ein etablierter Zweitligaverein mit professionellen Strukturen ist. Zum Beispiel, dass der TuS keine eigene Spielstätte hat, sondern vielmehr eine, die bereits in Liga zwei nur unter Auflagen bespielbar war und für Erstligatennis in der jetzigen Form gleich gar keine Option ist.

Vor dem Hintergrund dieser in der Summe im Vergleich zum SC Paderborn relevanten Unterschiede gilt umso mehr: Chapeau, TuS Sennelager!
Frank Loose